Auf antiken Grabsteinen werden die Verstorbenen auf ihrem Lebenshöhepunkt dargestellt. Der Begriff der Griechen dafür war Akme (ακμή). Das Ideal der künstlerischen Darstellung besteht darin, den Menschen auf seinem Lebenshöhepunkt der (Nach-)Welt zu präsentieren. Aber wann –und was– ist dieser imaginär-magische Moment für uns heute? Wie fühlt er sich an? Wie kann das aussehen?

Michael Pfitzners Ausstellung bietet drei sehr unterschiedliche Deutungen dieser Frage an:

 

Finden wir ihn in einer idealisierten ästhetischen Konstruktion?

Im Moment großen Schmerzes, in Verzweiflung und Trauer?

Oder in einem flüchtigen, unbeobachteten Augenblick?

 

Anmerkung: Der Kojote, Figur der klassischen Warner-Brothers Comics, verkörpert die ewig beharrende, vielleicht absurde Sehnsucht des Menschen. Beinahe jedes Hilfsmittel, das der Kojote bei seiner vergeblichen Jagd nach dem sich stets entziehenden Objekt seiner Begierde, dem Roadrunner, verwendet – von der Stange Dynamit bis zum süßen Kuchen – trägt die Aufschrift: ACME!

Jede Sprache verfügt über Ausdrücke, die sich in keiner anderen Sprache finden, und dennoch kennen wir das, was diese Ausdrücke bezeichnen – auch ohne ein Wort dafür zu haben.

Der Titel des großformatigen Bildes, „Mataego”, ist genau solch ein Ausdruck.

Er stammt aus dem Rapanui, ein auf den Osterinseln gesprochener polynesischer Dialekt. „Mataego” bedeutet: „Augen, die zeigen, dass jemand gerade geweint hat“.

Wir sehen einen nackten Augenblick der Trauer, der Verzweiflung, der Katharsis, überlebensgroß. Ein Bild, das keiner von sich selbst hat. Und ein Bild das man nicht wagt zu machen – statt die Person zu trösten: Sado-Masochismus des fotografischen Blicks.

Sehen wir in diesem Bild eine junge Frau, die mit dem Wichtigsten in ihrem Leben ringt? Charakterisiert das den Lebenshöhepunkt einer Person am besten? Wie sie das tut?

Die fünfteilige Serie „FLORES FLORUIT” zeigt Blumen. Sie heissen: Allium Caeruleum, Lilium, Iris, Rhododendron und Roseus Lilium. Nein, hier gibt es keinen weiblichen Akt. Hier gibt es keine Narziss-Szene. Nicht Susanna im Bade. Der Blick ist nicht voyeuristisch. Hier ist nichts inszeniert. Das Licht ist völlig natürlich. Und Nacktheit kommt nicht vor.

Aber als die Bilder entstanden, sang Leonard Cohen:

 

She shows you where to look/

Among the garbage and the flowers/

 

Der Begriff „floruit” wird in der Kunstgeschichte benutzt, wenn das Datum des Hauptwerkes bekannt ist, das Geburts- und Sterbedatum des Künstlers aber im Dunkeln liegen. Man schreibt dann: „Künstler X, 1204 floruit”. So wird das Leben des Künstlers mit dem Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens gleichgesetzt, also seiner Akme.

Die Polaroid-Serie zeigt eine Reihe von rätselhaften Situationen. Fast unbewusste Momentaufnahmen, deren Kontext offen bleibt. Es geht hier nicht um eine absichtliche Ästhetik, einen Look. Es geht nicht um simulierte Vergangenheit. Obwohl wir das in Zeiten von Instagram gerne denken. Nein: Es war so. Es ist so passiert. Aber: Was ist passiert? Was war da? Was ist es heute?

Das Polaroid entsteht unabsichtlich, spontan, unkontrollierbar. Die Bildwerdung geschieht im Dunkeln. Sie ist dem korrigierenden, optimierenden Denken und Handeln entzogen. Polaroids fordern das ästhetische Glück heraus.

Man sieht decalcomanische Artefakte, wie bei Max Ernst, die beim Abziehen der für die Entwicklung notwendigen Schutzschicht entstehen. Der Betrachter ist genötigt das Motiv, den Augenblick und seine Bedeutung in seiner Vorstellung zu ergänzen, herzustellen. Durch die Unvollkommenheit der fotografischen Oberfläche, durch die analogen Artefakte hindurch. Ist es dieser Prozess der Rekonstruktion durch andere, der die Akme des Bildes konstituiert?

Samstag, 18. Oktober 2014
15.00 bis 20.00 Uhr

Atelier Rosa
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80805 München

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MUSA DR. NATALIE LAUER artservice
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